Interview Private Wealth | „Ich glaube an die Stadt.“

Immobilientrends. Weltweit boomt der Markt für größere Eigenheime in Vorstädten und Urlaubsorten. „Das wird sich wieder beruhigen“, meint Michael Reiss, geschäftsführender Gesellschafter von Sotheby’s International Realty in München, „ich rechne mit einem Comeback der Großstadt.“

„Die Hamptons galten lange Zeit als Inbegriff des Altersruhesitzes müder New Yorker – nicht sehr attraktiv für coole Stadtmenschen. Jetzt sind die Hamptons ausverkauft“, erzählt Michael Reiss.

Das Fluchtverhalten vermögender Großstädter in der Corona-Krise hat Spuren an den Immobilienmärkten hinterlassen. „Von den Rocky Mountains über die Côte d’Azur, von Weingütern in der Toskana bis zu Feriendomizilen in den Skiorten der Alpen – viele Wohlhabende investierten zuletzt in Zweitwohnsitze, meist im jeweiligen Inland. Sie favorisierten dabei große Komplexe, um Unabhängigkeit und Privatsphäre zu schaffen oder um erwachsene Kinder wieder aufnehmen zu können“, erklärt Reiss. Regionen, die zuvor als reine Zweitwohnungsmärkte galten, sind im Jahr des Homeoffice als vermeintlich sichere Fluchtpunkte gefragt wie nie. Angesichts des begrenzten Angebots steigen die Preise dort auch entsprechend steil an. Dagegen ist in den Großstädten ein Durchatmen festzustellen. Sehr ambitionierte Vorstellungen von Verkäufern lassen sich nicht mehr oder nicht mehr so schnell durchsetzen. „Das wird sich perspektivisch wieder ändern“, vermutet der Immobilienexperte, „in einer sehr speziellen Situation wurden in den letzten zwölf Monaten sehr spezielle Bedürfnisse bedient. Ob das Preisniveau bei Ferienwohnungen und in allen ländlichen Regionen auf Sicht von fünf Jahren Bestand haben wird, ist eher fraglich.

Wenn die Pandemie-Situation sich entspannt hat, werden viele darüber nachdenken, ob sie und ihre Kinder tatsächlich auf dem Land leben wollen. Dann kommt die Immobiliennachfrage wieder in die Städte zurück.Dort spielt das Leben, hier sind die Restaurants, die Schulen, die Universitäten, die Freizeitmöglichkeiten und die sozialen Kontakte. Eine große Zahl derer, die sich heute abkapseln, werden morgen wieder die kurzen Wege schätzen und den persönlichen Austausch suchen. Das bietet eben nur die Stadt.“

Das größere Wertsteigerungspotenzial sieht der Marktexperte deshalb langfristig bei Objekten in der Großstadt. „Die kommenden Monate sollten eine gute Zeit sein, sich zu positionieren. Denn das Wohnraumthema wird sich ja nicht entspannen.“ Im Gegenteil: Der Flächenbedarf nimmt weiter zu, weil viele potenzielle Käufer nun ein Extra-Zimmer wünschen, um die Vorteile des Homeoffice nutzen zu können, ohne dafür gleich den ganzen Lebensmittelpunkt aus der Stadt heraus zu verlegen. „Denn natürlich ist die neu gewonnene Freiheit, ab und an von zu Hause arbeiten zu können, eine wertvolle Errungenschaft.

Das möchte niemand mehr missen“, erklärt Reiss. „Im Bereich gehobener Wohnimmobilien werden Objekte mit zusätzlichen Arbeits-, Fitness- und Wellnessräumen gefragt sein. Auch mehr Bequemlichkeit durch Technologie – Smart Homes – steht ganz weit oben auf der Wunschliste.“

Das nächste Herausforderung für den deutschen Immobilienmarkt stehe dann nach der Bundestagswahl an. „Es geht darum, den Druck im Wohnungsmarkt zu reduzieren. Gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Politik und Marktteilnehmern helfen da nichts – Politik, Immobilienbranche, Mieter, Eigentümer und Investoren müssen gemeinsam nach

Lösungen suchen.“ Die größte Gefahr sieht der Experte darin, dass Themen wie Vermögensteuer und Eingriffe in den Mietmarkt forciert werden. „Einige große Investoren sagen, wenn das kommt, machen wir nur noch Gewerbebau“, informiert Michael Reiss und folgert: „Ironischerweise ist das vor allem für diejenigen ein Risiko, die Wohnraum suchen.

Das Angebot in der Stadt wird dann nicht zunehmen, und die Preise steigen einfach weiter.“

 

Auszug Interview

Magazin PRIVATE WEALTH 01 | 2021

How to live it